AbstractNether D3

O so digital

Prof. Dipl.-Ing. Ulrich Nether

1 Wir sind Gott! Geologen haben das Anthropozän ausgerufen, die Erde ist uns Untertan. Wir wissen, dass letztlich alles absehbar berechenbar sein wird, bis zum kleinsten Teilchen und bis in die Tiefe zum Ursprung des Alls. Materie ist entzaubert, digitalisierbar, nichts als eine besonders dichte Anordnung, (In)Formation von Messbarem. Auf den Spatial Turn folgt in den Kulturwissenschaften der Material Turn: Die Objekte, also auch die Gebäude, werden zuerst in ihrer Bedeutung gesehen, die stoffliche Substanz ist existent, doch, das was wirksam ist, die Wirkung, ist die Wirklichkeit. Es geht nicht mehr um Hardware, sie ist offenbar und begreifbar, wir haben sie im Griff, sondern um die Software, die Algorithmen. Nicht die Natur, nicht die Ur-sachen, nicht die Artefakte, sondern die Prozesse, die Dinge und Sachen treten in den Vordergrund. So verändern wir die Substanz, formieren die Bausteine des Lebens neu.

2 Eine gezielte Transformation, eine Vorgehensweise, kann durch einen Algorithmus beschrieben werden. Design können wir als die Fähigkeit (des Menschen) definieren, gewünschte Ergebnisse zu planen und zu produzieren. Jede Gestaltungsaufgabe ist dementsprechend mit positiv bewertbaren Algorithmen durchführbar, wenn die Parameter korrekt und vollständig definiert sind. In der Musik wird diskutiert, dass Computer womöglich bessere Komponisten und Interpreten sind als Menschen, weil sie exakt Wirkendes produzieren.

3 Wir haben also keine Arbeit mehr, Computer und Roboter sind effektiver und effi zienter. Konsequenterweise überlassen wir ihnen das Feld, denn sie achten selbstverständlich auf Nachhaltigkeit und Gleichberechtigung, sie sind ausschließlich vernünftig. So geht es uns gut im stets upgedateten extrem gesunden Paradies auf Erden. Die Anpassung an die schöne neue Welt fällt uns artbedingt nicht schwer. Ohne Not können wir uns besinnen auf unsere Ursprünge.

4 So versammeln wir uns wieder um das Feuer. Dort sind wir zu Hause, aufgehoben in der Wärme bei den unseren, es gibt Nah-
rung und Kommunikation, ein Ursprungsort, archaisch, magisch, humane Wesenheit. Allerdings wird dieses Lagerfeuer virtuell sein, aus ökologischen Gründen, aber auch weil es so viel mehr bietet als ein herkömmliches: In unsere Lagerfeuergruppe können virtuell Menschen aus aller Welt stoßen. Wir werden sie sehen, hören, fühlen, riechen, spüren. Wir können mit ihnen nicht nur reden, wir können vor ihnen alle Träume und Welten entfalten und realisieren, die in unseren Köpfen sind - in scheinbarer Wirklichkeit. Im Schein des Feuers wird die Projektion wesentlich und das Materielle vollends gegenstandslos.

 

lehrt Produktdesign und Ergonomie. Er ist Innenarchitekt und lebt in Düsseldorf.