Abstract Melenhorst

Vom Stil(l)stand im Bestand

Prof. ir. Michel Melenhorst

Der (einst) famose Architekt Piet Blom liebte es einen Abendspaziergang über die Baustellen seiner Bauten zu machen, um das Gebaute nochmal kritisch zu reflektieren. War sein Urteil negativ, schrieb er mit Ölkreide auf die jeweiligen Bauteile als Auftrag an den Bauarbeiter: `lieber eher doch nicht´, ein Euphemismus für: Entfernen! Für Blom spielte dabei der Baustil keine Rolle, er bastelte und hobelte an seinen eigenen halbfertigen Bauten. Neu oder Bestand, fertig oder nicht, war ihm übrigens auch egal.

Im Neubauentwurf ist es üblich relativ unbekümmert seinen stilistischen Gang gehen zu können, im Bestand jedoch setzt man sich mit dem Stil der Vorgänger auseinander. Lange war die ´korrekte´ Haltung zum Bestand geprägt vom Gedankengut des späten 19 Jahrhunderts, wie Georg Dehios Adagio´Konservieren statt Restaurieren´ und Alois Riegls Plädoyer für einen behutsamen Umgang mit unterschiedlichen Stilepochen ohne zu favorisieren oder anzupassen. Döllgast und Scarpa sind zwei berühmte ältere Vertreter dieser Schule, Chipperfield gehört mit seinem Entwurf des Berliner Museums ebenfalls zu dieser Richtung. Die zunehmende Bedeutung und wandelnde Art der Bestandsaufgaben braucht aber neue, schlagfertigere Haltungen, zum Beispiel in dem Umgang mit den Nachkriegsmodernen. Architekten sollten pluriformer mit Begriffen wie Originalität, Substanz, Ehrlichkeit umgehen.

Herzog de Meuron praktizieren dies und entwickeln, ganz im Stil eines anderen Denkers aus dem 19. Jahrhundert, Violet le Duc , eine nicht dialektische Haltung im Umgang mit alt und neu. Ein „Schuss Martial Arts im Entwurf, soll es ermöglichen die Energie des Bestandes zu nutzen um überhandzunehmen“ so schreiben sie in ihrem Buch „Natural History“. Rem Koolhaas warnt in seinem Pamphlet „Preservation is Overtaking us“ vor zu viel Unterschutzstellung und Festlegung und propagiert in seinen Bestandsentwürfen die Kollage von Alt und Neu als kräftiges Architekturtool.
Mit diesen und vergleichbaren Haltungen wird bei Entscheidungen über Nutzung oder Rückbau des Baubestandes die „Schön-Unschön-Frage“ als allein entscheidend vermieden, als auch der zu pietätvolle Umgang mit Stil, der eine Neunutzung so oft frustriert. Es ist der ´Piet Blom Style´. Er öffnet Möglichkeiten Gebäude zu explorieren, zu experimentieren, im Bestand neue Qualitäten zu verwirklichen und gleichzeitig Nachhaltigkeitsan forderungen zu realisieren, die nur mit Neubauten, egal wie schön, unerreichbar sind.

lehrt Kontextuelles Entwerfen.
Er ist Architekt und lebt in Detmold.